Kommentar zum Bildungsstreik (1/2)
Zur Zeit tobt unter anderem in Deutschland der sogenannte Bildungsstreik, mit dem gewisse Elemente der Studentenschaften gegen schlechte Bedingungen in der universitären Lehre protestieren möchten. Vorvergangene Woche wurde auch in Kaiserslautern der Ansatz einer Demonstration geprobt, dessen Effekt aber sogar im Tagesgespräch unter Studenten nach kürzester Zeit verraucht war. Ich frage mich, was überhaupt das Konzept der Maßnahme sein soll, und kann mit zahlreichen pauschalen Forderungen nichts anfangen. Daher möchte ich hier persönlich Stellung zu selbigen und den gewählten Mitteln nehmen.
Bildungsstreik – was soll das eigentlich sein? Ich protestiere gegen schlechte Lehrbedingungen, indem ich auf das vorhandene Angebot verzichte? Das ist nicht schlüssig. Ein Streik dient gemeinhin als Verhandlungsmittel, um Druck auf das Gegenüber auszuüben, das durch die Niederlegung einer Tätigkeit durch die Streikenden Schaden nimmt. Gibt es Verhandlungen zwischen verfassten Studentenschaften und Regierung? Nicht, dass ich wüsste. Schadet es irgendeinem Mitglied des Apparats, wenn Studenten sich weigern, zu lernen? Nein, sie schaden nur sich selbst. Insofern muss der Ruf ungehört verhallen. Wer sollte sich schon genötigt fühlen, zuzuhören? Statt des Lehrbetriebs, der ja gerade für Studenten stattfindet, sollten die Protestwilligen die Arbeit von Verwaltungen und Ministerien behindern, um sich bei den tatsächlichen Entscheidungsträgern Gehör zu verschaffen.
Mit Anmerkungen zu den konkreten Forderungen beginne ich mit den Forderungen der Gesamtbewegung, hier nachzulesen.
Abbau von Zulassungsbeschränkungen durch den Ausbau von Studienplätzen
Dies ist eine Forderung, die zunächst wunderbar klingt: Schaffen von mehr Plätzen bedeutet, dass man weniger Menschen herausfiltern muss. Hier wird, denke ich, übersehen, dass Zulassungsbeschränkungen oft auch dazu dienen sollen, ein gewisses Qualitätsmaß der Beginner zu sichern. Wir sehen in der Informatik in Kaiserslautern gut, dass eine Vielzahl von Leuten ein Studium beginnen, die dazu fachlich oder charakterlich nicht in der Lage sind. Es wäre wünschenswert, wertvolle Ressourcen aller Beteiligten zu sparen, wenn man solche Menschen nicht zulassen könnte. Natürlich wäre es toll, wenn jeder eine Chance bekäme, aber Ressourcen sind leider knapp. Studienbewerber sind erwachsene Menschen und müssen auch die Konsequenzen davon tragen können, ihre schulische Ausbildung schleifen gelassen zu haben und damit eine Hürde zu verfehlen.
Ich möchte mich hingegen ganz stark für eine Änderung der Modalitäten von Zulassungsbeschränkungen aussprechen. Die Abiturnote sagt so gut wie nichts über die Fähigkeiten des Bewerbers aus, da sie über alle Fächer mittelt, zwischen Schulen unvergleichbar ist und in der Regel durch bloßes Auswendiglernen auf eine Eins zu bringen ist. Man müsste die tatsächliche Eignung des Bewerbers für das gewählte Fach messen. Ich fürchte jedoch, dass das im Wesentlichen unmöglich ist.
Interessante Anekdote am Rande: Einige Fachbereiche an der TU Kaiserslautern, die seit Jahren Probleme mit überfüllten Hörsälen und Praktika haben, bekommen vom Ministerium keine Zulassungsbeschränkungen genehmigt, mit denen sie das in den Griff bekommen könnten. Man möchte gerne viele Studenten haben. Geld für Hörsäle, Praktikumsplätze und Assistenzstellen gibt es trotzdem nicht.
Abschaffung von Studiengebühren und die gesetzlich verankerte Gebührenfreiheit von Bildung
Ich verstehe nicht, woher sich der gefühlte Anspruch auf für den Studenten kostenfreie Bildung generiert. Ich verstehe aber wohl, dass die Haltung zu einem Studium sehr persönlich ist. Ich kann nur sagen, dass mir selbst das, was ich an der Universität bekomme, 600€ pro Semester wert wäre. Der tatsächliche Wert liegt vermutlich weit darüber. Man sollte ein Studium nicht bloß für das Zeugnis am Ende angehen, sondern auch für den Wissens- und Fähigkeitenerwerb. Diese intrinsisch Motivation geht leider immer mehr verloren, auch forciert durch Politik und Wirtschaft. Ich bin fest davon überzeugt, dass mit einer solchen Motivation eine Studiengebühr der aktuell diskutierten Höhe kein Hindernis darstellt. Wer hingegen nur zum Zeitvertreib studiert, ja, den mag das empfindlich treffen.
Finanzielle Unabhängigkeit der Studierenden – ohne Kredite
Gibt es dafür nicht BAföG und Stipendien? Wer finanziell nicht super gestellt ist, sollte vielleicht von einem Studium in München, Karlsruhe oder Hamburg absehen und einen günstigeren Wohnort wählen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass 600€ pro Monat für Leben in einer eigenen Wohnung (nicht im Wohnheim) und Studium ausreichend sind. Von den üblichen Höchstsätzen sollte man also im Wohnheim ganz gemütlich auskommen können. Probleme sehe ich allenfalls bei solchen Studiengängen, wo hohe Kosten durch verpflichtend anzuschaffende Materialien entstehen. Ich kenne aber auch Einige, die über niedrige Unterstützung jammern, sich aber Auto, Zigaretten oder häufige Partyexzesse leisten können. Mir fehlt da etwas das Verständnis.
Abschaffung jeglicher Diskriminierung [...] gegenüber ausländischen Studierenden
Zu diesem Punkt hätte ich mir mehr Details gewünscht. Wo genau werden Ausländer (mehr als nötig) diskriminiert? Dass manche rechtliche Parameter unterschiedlich sind und unter Umständen Sprachkenntnisse überprüft werden, halte ich jetzt mal für selbstverständlich. Das würde ich erwarten, studierte ich im Ausland. Mir sind noch keine Fälle zu Ohren gekommen, wo ein Ausländer von anderen Studenten, Lehrpersonal oder der Verwaltung schlecht behandelt worden wären. Dies ist der erste Punkt, der lokal dort zu lösen ist, wo es konkrete Probleme gibt.
Abkehr vom Bachelor als Regelabschluss
Hier wird, glaube ich, das Ziel der Politik missverstanden. Wer bisher ein Diplom erhalten hat, soll auch einen Master bekommen. Es geht darum, mehr Leute als bisher zum Diplom nun zum Bachelor zu führen, um mehr Akademiker zu haben. Es ist aber davon auszugehen, dass dieses Delta nicht für den Master tauglich ist, und daher nicht alle Bachelorstudenten der Zukunft ins Masterprogramm sollten. Natürlich erzeugt diese Verbreiterung der Zielgruppe im Bachelor Probleme in den Curricula, aber das ist eine längere Diskussion. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Leute, die früher ein Diplom gemacht hätten, in Zukunft freiwillig auf den Master verzichten, wenn sich die erste Hysterie erstmal gelegt hat. Denn wer einen Bachelor hat, hat gezeigt, dass er studieren kann, und verfügt über das Grundlagenwissen seines Fachs. Tiefes Spezialwissen wird in der Industrie offenbar seltenst gebraucht. Warum also zwei Jahre Geld und Zeit vergeuden, wenn man welches verdienen kann? Der Master wird zu einem Abschluss werden, der hauptsächlich von Leuten mit Interesse an Forschung studiert wird. Das fände ich eine schöne Entwicklung. Ich sehe hier durchaus Chancen für neue Werdegänge und wehre mich gegen pauschale Verteufelungen der Neuerungen.
Ende von Verschulung, Regelstudienzeit und Dauerüberprüfung
Verschulung nimmt sicher überhand. Studium sollte in gewissen Grenzen selbstbestimmt und -organisiert sein, um freie Entfaltung des Geistes zuzulassen. Grenzen sind aber wichtig, zum Beispiel Studienzeitobergrenzen. Es ist in meinen Augen nicht zweckdienlich, wenn Einzelne auf dem Rücken der weitgehenden Gebührenfreiheit über die Maßen lange studieren. Wichtig ist, dass die wahre Bedeutung der Regelstudienzeit kommuniziert wird: Sie ist keine Obergrenze, sondern eine Richtlinie, die vom Durchschnitt überschritten wird. Hier wurde im Kontext der neuen Studiengänge durch die Medien oft ein falsches Bild vermittelt, was dazu führt, dass Leute sich überlasten. Ob studienbegleitende Prüfungen sinnvoll sind, kann man trefflich diskutieren. Das ist sicher abhängig von den jeweiligen Inhalten; Naturwissenschaften kann man sicher besser in strukturierte Formen bringen als Geisteswissenschaften. Ich persönlich empfinde es als angenehmer, Stoff sofort prüfen zu können, worunter aber natürlich die Vernetzung des Gelernten leiden kann. Wir sehen aber auch, dass viele Studenten nicht in der Lage sind, selbstorganisiert zu studieren; dieser Effekt, so ist anzunehmen, wird sich mit Verbreiterung des Publikums tendenziell verstärken. Ist ein gänzlich ungelenktes System da wirklich zweckdienlich? Grundsätzlich gilt festzuhalten: Bolognaprozess und Ministerien geben hier Richtlinien vor, die aber tatsächlich liberaler sind als oft verbreitet. Die konkrete Implementierung liegt in den Händen eines jeden Fachbereichs!
Möglichkeit individueller Schwerpunktsetzung im Studium
Dies ist ebenfalls ganz lokal zu betrachten. An der TU Kaiserslautern haben wir im Bachelor Informatik 72 von 180 LP Wahlfreiheit. Das halte ich für ausreichend Spielraum für individuelle Entfaltung. Im Master haben wir überhaupt nur 8 von 90 LP thematisch vorgeschrieben, und selbst da gibt es seit Kurzem Wahlmöglichkeiten. Ist ein Studiengang voller Pflichtveranstaltungen entstanden, so ist es Aufgabe der verfassten Studentenschaft am betroffenen Fachbereich, auf Änderungen hinzuwirken.
Tatsächliche Umsetzung der Mobilität zwischen den Hochschulen
Ich halte die Idee von uneingeschränkter Mobilität für grundsätzlich nicht umsetzbar, solange nicht überall das gleiche Curriculum von den gleichen Menschen gelehrt wird. Letzteres ist nicht nur unmöglich, sondern auch nicht wünschenswert. Jeder Fachbereich setzt seine eigenen Schwerpunkte in Forschung und Lehre, und das ist auch gut so. Wechsle ich zu einem Fachbereich mit anderem Fokus, muss ich doch ganz natürlich davon ausgehen, dass ich in diesem Bereich etwas nachholen muss. Tatsächlich sind die Maßnahmen, die zum Zwecke der Mobilität eingeführt wurden, oft hinderlich für die Arbeit von Fachbereichen. So sind etwa viele Einschränkungen bei der Akkreditierung oder nichtssagende Zusatznoten auf Zeugnissen unter Umständen kontraproduktiv, weil sie falsche Sicherheiten vermitteln. Es hat nie das deutsche Diplom gegeben und genausowenig wird es den europäischen Bachelor oder Master geben. Wenn man ganz ehrlich ist, muss man doch zugeben, dass nicht mal die Abschlüsse an einem Fachbereich vergleichbar sind, geschweige denn zwischen denen verschiedener Fächer oder Universitäten.
Ich möchte hier anmerken, dass Mobilität nicht geschenkt wird, aber offenbar sehr gut möglich ist. Wir haben Master- und Promotionsstudenten, die nach einem Bachelor an der FH zu uns gekommen sind.
Abbau von wirtschaftlichen Zwängen im Bildungsbereich
Wenn damit gemeint ist, dass der Einfluss der Wirtschaft auf Form und Inhalte der Bildung zurückgeschraubt werden, stimme ich dieser Forderung voll zu. Immer mehr Forscher werden von Unternehmen bezahlt, weil die Länder sie sich nicht leisten können. Wirtschaftsnahe Institute gewinnen an Einfluss, auch in der Lehre. Dadurch kann man durchaus die Unabhängigkeit der Forschung und die Verfügbarkeit ihrer Ergebnisse in Gefahr sehen. Beides sehe ich als ganz wichtig dafür an, langfristig gute Ergebnisser erzielen zu können.
Mitbestimmung aller Beteiligten im Bildungssystem
Dies ist sicher wünschenswert. Ob eine Viertelparität zweckdienlich ist, weiß ich nicht. Sie setzt voraus, dass Studenten sich der Verantwortung bewusst sind und entsprechend handeln. Zahlreiche Vorkommnisse innerhalb der Studentenschaft lassen mich daran zweifeln, ob das im Allgemeinen funktionieren kann. Auch muss man sich die philosophische Frage stellen, ob man tatsächlich den Leistungsempfänger über die Leistung mitentscheiden lassen möchte. Die Entscheidungen umsetzen und tragen müssen kurz- und mittelfristig Mitarbeiter und Professoren, langfristig die Professoren alleine. Ich halte es da für vernünftig, diesen auch Entscheidungskompetenz zu geben. Es ist sicher wichtig, dass Erfahrungen und Meinungen von Studenten in den Entscheidungsprozess einfließen; das geht aber auch über inoffizielle, partnerschaftliche Wege. Solange man sich der Tatsache bewusst ist, dass Forscher andere und mehr Interessen haben als Lehre und somit nicht immer die für die Lehre optimale Entscheidung treffen, kann man damit gut auskommen.